''Kurzes Gespräch über die Osmanen mit Rasim Marz''

Kurzes Gespräch über die Osmanen mit Rasim Marz.

''Kurzes Gespräch über die Osmanen mit Rasim Marz''
 1. Sehr geehrter Herr Marz, würden Sie sich uns bitte kurz vorstellen?

1a. Mein Name ist Rasim Marz, geboren 1991 im rechtsrheinischen Siegburg (Deutschland) und seit vielen Jahren als Historiker und Autor für osmanische Geschichte tätig. Darüber hinaus bin ich Vorsitzender des osmanischen Geschichtsvereins “Ottoman Club” in Köln und auch für die Dynastie Osmân selbst aktiv in Europa.

2. Welche Studien oder Forschungen haben Sie bis jetzt über die Osmanen bzw. das osmanische Reich gemacht?

2a. Zu meinen Forschungsgebieten zählen neben der allgemeinen Geschichte des Osmanischen Reiches und seiner Dynastie, die europäische Außenpolitik des 19. Jahrhunderts und der Erste Weltkrieg im Orient. Im Dezember 2013 veröffentlichte ich mein aktuelles Buch “Das Osmanische Reich auf dem Weg nach Europa – Neue osmanische Geschichtsschreibung”, das sich explizit mit dem langsamen Niedergang dieser Großmacht auseinandersetzt und neue Erkenntnisse über die Rolle der Dynastie Osmân im Befreiungskrieg und der frühen Republik vermittelt und beleuchtet.

3 Kennt man Ihrer Meinung nach die Geschichte der Osmanen in Europa gut genug?

3a. Nein. In den letzten Jahrzehnten ist das Wissen um das ehemals riesige Reich am Bosporus auf zwei Faktoren zusammengeschrumpft: Auf die Belagerung von Wien 1683 und die jungtürkische Politik gegenüber den Armenier während des Ersten Weltkrieges. Die Schulbücher widmen sich dem Osmanischen Reich - wenn überhaupt - nur mit einer Seite und das, obwohl die Osmanen seit ihrer Landung auf Galipolli 1354 ununterbrochen in Europa waren und somit maßgeblich die europäische Geschichtsschreibung beeinflussten. Der Geschichtsverein “Ottoman Club” veranstaltet öffentliche Vorträge zur osmanischen Geschichte, um ein neues Interesse für das einstige Reich der Sultane in der deutschen Gesellschaft zu schaffen. Frei von Vorurteilen und Klischees und auf rein wissenschaftlicher Basis.

4 Haben Sie demnächst vor eine geschichtliche Studie oder ein geschichtliches Projekt über die Osmanen auszuarbeiten?

4a. Ich arbeite derzeit an einer Biografie, die sich mit dem Leben und Wirken eines osmanischen Staatsmannes des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt, der leider in Vergessenheit geriet obwohl er unter den europäischen Diplomaten seiner Zeit die größte Hochachtung genoss. Darüber hinaus laufen die Vorbereitungen für Studien und Vorträge für dieses Jahr bei uns auf hochtouren.

5 Wie finden Sie die Forschungen in Europa über die Geschichte der Osmanen? Ist es ausreichend?

5a. Keinesfalls. Auch unter den westlichen Historikern ist das Interesse für das Osmanische Reich im Gegensatz zu anderen geschichtlichen Großreichen recht gering. Hier gilt es einzuschreiten und Aufklärungsarbeit zu leisten, denn das osmanische Erbe birgt ungeheures Potenzial. Prof. Dr. Christoph Herzog von der Universität Bamberg plädierte jüngst in einem Artikel dafür, dass die Europäische Union sich an dem Osmanischen Reich in Sachen supranationales Staatsmodell, Minderheiten- und Religionspolitik ein Vorbild nehmen könnte. Dazu muss jedoch das Erbe der Osmanen weiterhin erforscht und noch wichtiger geschützt werden. Die Ereignisse in Sarajevo vom letzten Monat, wo ein aufgebrachter Mob das dortige Staats-Archiv stürmte und tausende wertvolle osmanische Dokumente zerstörte, schockierte weltweit die Historiker. Ein kulturelles Erbe wurde durch Leichtsinn für immer vernichtet.

6 Was denken Sie über Sultan Abdülhamid II.? Wie war er als Mensch und wie war seine Führung und Verwaltung?

6a. Sultan Abdülhamid II. (regierte 1876-1909) war unbestreitbar der letzte große Herrscher des Osmanischen Reiches aus der Dynastie Osmân. Er war der letzte Herrscher der die absolute Macht inne hatte, bis ihn die Jungtürken 1908 zur Wiedereinführung der Verfassung zwangen. Er gilt aber bis heute auch zu den umstrittensten Sultanen der osmanischen Geschichte. Während die meist linksorientierte kemalistische Geschichtsschreibung ihn ganz in jungtürkischer Tradition als Reaktionär und Tyrannen darstellt, genießt der Sultan in nationalistisch-religiösen Kreisen bis heute eine ungeahnte Beliebtheit als “Vater des Volkes” und rechtschaffener Sultan-Kalif. Bis heute gibt es keine Biografie über diesen Herrscher, die die Person des Sultans und seine Politik aus einer gewissen Neutralität heraus neu interpretierte. Wie bei jedem anderen Sultan vor und nach ihm gab es auch bei Abdülhamid II. Höhen und Tiefen in seiner Herrschaftszeit, die sowohl durch äußerliche als auch durch eigene Maßnahmen hervorgerufen wurden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Während Abdülhamid II. die Staatsverschuldung bis 1908 um ca. 60% reduzierte, blieben von der einst stolzen und modernen osmanischen Flotte, die unter seinem Onkel Abdülaziz I. aufgebaut wurde und die drittgrößte der Welt war, 1908 nur wenige einsatzfähige Schiffe übrig. Diese Vernachlässigung der Seestreitkräfte hatte für das Reich fatale Folgen wie es die Balkankriege und der Erste Weltkrieg bewiesen. Nicht zu unrecht bleibt der Sultan ein Phänomen, dessen Person nur schwer rekonstruierbar und verständlich für unsereins ist.


Haber Journal 


Güncelleme Tarihi: 04 Mart 2014, 21:18
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